Stipendiumswettbewerb SS 2020

Studentenportrait

Portrait
Tarek aus Palästina

Können Bilder das Miteinander von Menschen beeinflussen? Oder das Verständnis von Geschichte verändern? Könnte ein Buch über Philosophie ohne Text auskommen und die Welt mit Bildern erklären? Solche Fragen haben Tarek zur Illustration geführt. Dabei führte sein Weg über Schule, Kunststudium und Galerie-Job sowie mehrere Länder nach Berlin. Aber der Reihe nach …

In Thüringen geboren, in Ramallah aufgewachsen, erinnert sich Tarek an erste verrückt-kreative Ideen aus Kindertagen: „Beim Spielen erschuf ich meine ganz persönliche Welt. Erst baute ich eigene Figuren aus Spielzeug, dann fing ich an, Charaktere nach meiner Vorstellung zu zeichnen.“ In der Grundschule überbrückte er langweilige Schulstunden mit Zeichnen, im Gymnasium bastelte Tarek mit Freunden an der Gründung eines Kunstclubs: „Wir interessierten uns für Animation, Film, Posterdesign, auch die Organisation von Theater- und Musikfestivals stand auf dem Plan.“ 

Nach der Schule wollte Tarek Kunst studieren. „Da das in meiner Heimat nicht so einfach war, bewarb ich mich in den USA. Drei Jahre studierte ich Malerei, Philosophie und Kunstgeschichte am Earlham College in Richmond, Indiana. Allerdings hat Indiana keine Metropole, New York ist weit weg und Kunst findet in meinen Augen woanders statt. So zog es mich zurück nach Ramallah, wo ich zunächst als Praktikant für eine Organisation arbeitete, die palästinensische Künstler und Designer unterstützt.“ Dort machte ihn eine Kuratorin auf ein Artist-in-residence Programm im Libanon aufmerksam. „Während meiner Zeit in Beirut kam ich das erste Mal mit Grafikdesign in Berührung. Für einen Galeristen übernahm ich Layoutarbeiten am Computer. Kurz darauf traf ich eine wichtige Entscheidung: keine freie Kunst!“

Warum dieser Richtungswechsel? „Meine Arbeit muss eine klare Botschaft haben. Kommunikation ist wichtig, ich möchte Informationen weitergeben“. Also angewandte Bildgestaltung – das klingt zunächst nach Kommunikationsdesign. Im Frühjahr 2015 kam Tarek nach Berlin und schaute sich verschiedene Schulen an. Vor seinem Studienstart an der AID Berlin brachte ihn ein weiterer Job in Ramallah auf Kurs Richtung Illustration – in einem Verlagshaus für Lehr- und Kinderbücher mit vielfältigen Kontakten zu Illustratoren. „Dort lernte ich, was Illustration alles kann. Bilder können sehr effektiv sein. Ein einziges Bild kann in Sekunden mehr erklären als es ein Text jemals könnte.“

Hat Tarek nun gefunden, was er sucht? „Das Studium Illustrationsdesign passt zu mir. Der Unterricht ist breit angelegt, hat trotzdem eine feste Struktur und auch technische Schwerpunkte kommen nicht zu kurz. Mein Handwerk in den Gestaltungsgrundlagen nochmal aufzufrischen, hat mir nicht geschadet. Nach dem Studium in den USA hatten zeitgenössische Kunst und Neue Medien meine Grundlagen in gewisser Weise zerstört.“

Tarek hat genügend Ideen, was er mit seinen neuen Fähigkeiten auf dem Gebiet der Illustration anstellen kann. Er hat eine Buchidee im Kopf, möchte dazu eine eigene Schrift mit arabischen Zeichen entwerfen. Ebenso reizen ihn Animationen – kurze Filme, die erklären und Geschichten erzählen. Philosophische Geschichten, Geschichten über Menschen, vor allem persönliche Geschichten aus seiner Heimat Palästina, die sich hinter der offiziellen Darstellung in den Medien verbergen. Wenige von uns sind beispielsweise über die aktuelle Gesetzeslage vor Ort im Bilde – es gibt viel zu erzählen!

Welchen Eindruck hat Tarek von Berlin und vom Studienalltag an der Akademie? „Ich bin gern hier. Berlin ist sehr international, das hilft gegen Heimweh! Andere sind eben auch neu in der Stadt. Ich treffe viele Künstler und Illustratoren. Es gibt Ausstellungen für jeden Geschmack. Ich kann das auswählen, was mich interessiert. Wenn ich Feedback zu meinen eigenen Arbeiten brauche, finde ich immer jemand, der sich als ehrlicher Kritiker zur Verfügung stellt. Auch an der Akademie bin ich von sympathischen und hilfsbereiten Menschen umgeben. Jeder bringt unterschiedliche Fähigkeiten mit. Wenn ich Hilfe brauche, frage ich einfach den Studenten neben mir und wir tauschen uns gemeinsam über unsere Arbeiten aus.“

Wir freuen uns, dass Tarek im Sommersemester dabei ist und wünschen viel Erfolg im weiteren Studium!