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Interview

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Interview mit Maike Biederstädt
Ich bin Papier-Ingenieurin

Im Interview vorgestellt: Maike Biederstädt, freiberufliche Papierkünstlerin und Illustratorin für verschiedene Verlage und internationale Auftraggeber, Dozentin an der AID Berlin. Wir besuchten sie in ihrem Kreuzberger Atelier. Dem Ort, wo Papier und Karton aus ihrer Zweidimensionalität befreit werden.

Du hast an der Hochschule für Bildende Kunst in Kassel studiert. Wie bist du von der freien Kunst zur angewandten Arbeit mit Papier gekommen?

Von der Bildenden Kunst war ich nicht ausreichend begeistert. Am Ende des Studiums hatte ich nichts gefunden, wofür ich wirklich Feuer und Flamme sein konnte. Ich war auf der Suche. Dann fiel mir zufällig ein Pop-up Buch in die Hände, das in mir etwas auslöste. Es war das Buch „The Dwindling Party“ von Edward Gorey. Ich war hin und weg und begann bald an einer eigenen Pop-up Idee zu arbeiten. Das Ergebnis begeisterte Bekannte und Freunde, die mich ermutigten, damit zur Frankfurter Buchmesse zu gehen. Ich bekam hilfreiche Tipps und fand einen Abnehmer meines Entwurfs und reiste zu Vertragsverhandlungen nach London. Wichtige Kontakte in die Branche folgten – und schon bald hatte ich meine Passion und wirtschaftliche Selbständigkeit gefunden. Wobei ich zu Beginn meiner Karriere mehr von Illustrations- als von Pop-up-Projekten lebte.

Dein Portfolio ist vielfältig – Pop-up Karten und Bücher, Displays, Verpackungen, Storyboards und Illustrationen. Bist du eher Illustratorin, Künstlerin, Produktdesignerin oder Papier-Ingenieurin?

Ich bin in erster Linie Papier-Ingenieurin, dann Illustratorin. Wenn man den Begriff der Illustration –  so wie ich es tue – weiter fasst, dann gehören Umrisse und Formen meiner Papierskulpturen zum bildnerischen Gestalten dazu. Was die „gedruckten“ Illustrationen auf dem Pop-up anbetrifft, habe ich diese früher ungern aus der Hand gegeben. Auf Kundenwünsche einzugehen, heißt aber auch, sich von der Position des „alleinschaffenden“ Künstlers zu lösen. Heute sehe ich es als Qualitätsmerkmal, wenn Illustrationen anderer Autoren ganz selbstverständlich auf meine Papierwerke passen.

Papier beherrschen in drei Dimensionen plus Bewegung. Das ist für manche Gestalter schon zuviel. Was reizt dich am komplexen Spiel mit Papier?

Papier ist ein wunderbares Medium. Es ist wie Magie, wenn sich Papier unvermutet aus seinem flächigen Zustand in die dritte Dimension erhebt. Mich fasziniert neben der ästhetischen auch die technische Seite. Technikfieber, die Leidenschaft für Geometrie und Präzision sollte man schon mitbringen, um diese Magie zu erreichen. Auch die Künstlerin in mir kommt nicht zu kurz – letztlich schaffe ich eine Skulptur, die sich wieder zusammenfalten lässt!

Deine Papierskulpturen finden international Beachtung, inzwischen sind deine Karten-Sets im MoMA erhältlich. Wie schafft man es, in die Kartenkollektion des Museum of Modern Art zu kommen?

Das kam so: Auf einer Messe traf ich eine Kollegin aus Asien. Sie machte mich auf eine Wettbewerbsausschreibung des MoMA aufmerksam und war der Meinung, dass meine Arbeiten dort gut hinpassen. Zu dieser Zeit hatte ich gerade neue Entwürfe „in der Schublade“, die ich als Eigenentwicklungen vermarkten wollte. Dann ging alles sehr schnell. Kaum waren meine Arbeiten in New York eingetroffen, kam schon eine Mail der zuständigen Produktmanagerin, die auf meiner Website bereits weitere Entwürfe von Interesse entdeckt hatte. So schafften es meine Karten dann durch mehrere Jurysitzungen und ich hatte Erfolg.

Was sind deine Lieblingsaufträge und wieviel Freiheit lassen dir deine Auftraggeber bei der Ideenfindung?

Ich liebe es, wenn es vielfältig zugeht – Kinderbuch, Kunstbuch, Karten, Werbung – und vor allem die Aufträge, wo sich alle Beteiligten die größte Mühe geben, mit der gleichen Leidenschaft bei der Sache sind wie ich. Was die Freiräume anbetrifft, so hängt das ganz vom Auftraggeber ab. Manchmal gibt es konkrete Vorgaben wie bereits vorhandene Illustrationen oder das Produktprogramm lässt keinerlei Stilbruch zu. Ein andermal bin ich freier, erhalte beispielsweise nur Skizzen zu geplanten Charakteren, kann eigene Vorschläge einbringen und Einfluss nehmen auf die weitere Gestaltung. Es gibt auch Kunden, die ganz ohne eigene Ideen kommen, vielleicht nur mit einem Text. Dann darf ich alles machen!

Wie arbeitet ein Paper Engineer?

Es beginnt mit Skizzen und Recherchen. Als Bewegungsstudie kann ein Youtube-Video helfen. Dann entsteht ein Funktionsdummy, der bereits zeigt, ob die Idee umsetzbar ist, auch wenn er technisch noch nicht ausgereift ist. Es folgt die konkrete Umsetzung, die Form wird gefunden, die Figur eingebunden, ein Weißdummy entsteht. Wenn eigene Illustrationen zum Einsatz kommen, skizziere ich direkt auf dem Dummy, um das Bild in der 3D-Form zu testen. Dann kommt die Finalisierung. Am Ende liegt eine Stanzzeichnung für die Druckerei vor.

Wie gehst du mit der Verantwortung für die Produktion deiner Entwürfe um? Viele Kreative scheuen den Kampf um Zehntelmillimeter …

Ich arbeite sehr genau. Was ich rausgebe funktioniert. Ich gestatte mir keine Schlampereien. Zur gewissenhaften Produktionsbetreuung gehört auch ein sogenanntes Post-Production-Sample. Das heisst, ich lasse mir von der Druckerei – selbst aus Asien – ein Produktionsmuster schicken, prüfe es und gebe erst dann die Fertigung frei. Fehlerquellen gibt es genug, auch außerhalb meines Einflussbereichs: Umstellung der Papiersorte, Fehler beim Kleben oder beim Buchbinden etc. Aber der Kampf ums Detail lohnt sich!

Als Dozentin betreust du Studierende des vierten Semesters bei einem Pop-up Projekt. Illustratoren mit 3D-Kenntnissen? Was gibst du zukünftigen Berufseinsteigern mit?

Ich versuche bei den Studierenden die Leidenschaft für´s Papier zu wecken und den Willen, über den eigenen gestalterischen „Tellerrand“ hinauszuschauen. Ich möchte ihr Denken erweitern. Sie sollen das Dreidimensionale als Fortführung der Illustration mit neuen Möglichkeiten verstehen – im Verpackungsdesign, für eigene Präsentationsmittel oder viele andere Anwendungen.

Stell dir vor, du könntest ein Papierobjekt ohne Einschränkung in Dimension, Budget oder Thema gestalten. Was für ein Objekt wäre das?

Verlockend wäre eine eigene Produktlinie, sagt die Unternehmerin in mir. Aber ein wirklich spannendes Objekt, das könnte zum Beispiel mal was richtig Großes sein. Ein faltbares Bühnenbild, wo ein ganzes Auto reinpasst. Eine Großskulptur für eine Filmproduktion. Oder ein Pop-up im Zusammenhang von Architektur, in einem anderen Material als Papier, im Team mit anderen Experten erstellt …

Abschließend noch ein Ausblick ins neue Jahr. Welche Pop-up-Kunst von Maike Biederstädt wird uns 2016 erwarten?

Ich freue mich auf die Veröffentlichung des Buches „Wunderwesen aus der Tiefe“ beim Prestel Verlag im Herbst diesen Jahres. Das Buch zeigt eine faszinierende Unterwasserwelt nach Zeichnungen von Ernst Haeckel als 3D-Wunderwerk aus Papier. Kraken, Seeanemeonen, Quallen und weitere Meereslebewesen zum „Leben" zu erwecken, das war eine super schöne Aufgabe!

Wir bedanken uns für das Interview!

Interview: Tilo Schneider
Bilder: Maike Biederstädt

www.maikebiederstaedt.de

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