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Interview

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Interview mit Kai von Rabenau
Anders ticken als die Anderen

Kai von Rabenau ist selbständiger Fotograf und Kreativdirektor. Von seiner langjährigen Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Agenturen und Verlagen profitieren auch die Studierenden der AID Berlin. Kai unterrichtet in den Bereichen Editorial Design und Publishing – wer könnte das besser als der Herausgeber eines Magazins? Sein Interviewmagazin mono.kultur portraitiert außergewöhnliche Köpfe aus Kunst und Kultur. Wir sprachen mit ihm über Bilder, Menschen und Möglichkeiten, innerhalb der Kreativbranche eigene Wege zu gehen.

Du bist Fotograf, aber alles andere als ein Bilderlieferant. Im Fotografen Kai von Rabenau stecken jede Menge weiterer Professionen. Vielfalt im Job ist keine Selbstverständlichkeit – was hast du anders gemacht als die Kollegen der Branche?

Das kommt darauf an, was man unter Vielfalt versteht. Einmal wurde ich von einer Hochschule gebeten, über meinen Job zu berichten – und konnte zwölf Berufe nennen, die ich heute abdecke, vom Verleger bis zur Sekretärin. Was habe ich anders gemacht? Schon als Jugendlicher hatte ich eine ungesunde Leidenschaft für Magazine, habe viele davon im Abonnement gelesen. Dann kam das Grafikdesign-Studium in London. Später begann ich in Berlin als Fotograf für zahlreiche Magazine zu arbeiten und fand mich bald desillusioniert am Ende der Kreativkette wieder: Hoher Produktionsdruck, verunglückte Layouts, Rücksichtnahme auf Anzeigenkunden – ich hatte wenig Einfluss auf das Ergebnis meiner gestalterischen Tätigkeit. Um die volle Kontrolle zu haben über Inhalt und Form, über Text und Bild, musste ich erst mein eigenes Magazin gründen.

Die Welt wird bildlastiger, die Bilder werden austauschbarer, ein visueller Reiz wird vom nächsten abgelöst. Was ist dein Rezept gegen die sinkende Halbwertzeit der Bilder?

Ja, es stimmt, der Beruf des Fotografen wurde in den letzten Jahren entwertet. Alles schon tausendmal gesehen, alles schon tausendmal gemacht. Schnell mal ein Bild ins Netz stellen oder ein schönes Motiv ablichten, das kann heute jeder – dank Fotohandy und Digitalkamera. Aber selbst ein ästhetisches Bild muss noch lange kein gutes sein. Wichtig in meinen Augen ist die Aufrichtigkeit des Themas. Sind die Bildinhalte interessant? Gibt mir der Autor Einblick in eine Welt, die nicht die meine ist. Nicht wichtig ist, wie man fotografiert, sondern was man fotografiert!

Agenturen kaufen das Werk von Fotografen und Illustratoren als Dienstleistung ein. Wenn du als Kreativdirektor tätig bist, geht es um mehr als nur den Bildlook einer Kampagne. Was gibt es zu tun, bevor eine Kampagne oder ein Magazin in Produktion geht?

Dazu gleich mal ein Beispiel: Einer meiner aktuellen Kunden ist ein holländischer Regenschirm-Hersteller. Ich erstelle die komplette Bildsprache von Web bis Print, von Text bis Typo. So umfänglich arbeiten zu können, bedeutet einen großen Vertrauensvorschuss von Seiten des Kunden. Von mir wird verlangt, die richtigen strategischen Entscheidungen zu treffen, mich in die Philosophie der Firma und ihrer Produkte hinein zu denken. Ich betreue auch die komplette Produktion bis hin zur Papierwahl für das Lookbook. Das Prinzip, Inhalte und Haltungen bei jedem Kunden neu zu destillieren und visuell in allen Details umzusetzen, entspricht auch dem meines Magazins – jede Ausgabe eine neue Herausforderung!

Lass uns über dein eigenes Magazin sprechen. mono.kultur ist ein eher seltenes Gewächs im "Blätterwald", sowohl den Inhalt als auch die Form betreffend. Wie kamst du dazu, als Fotograf ein Interviewmagazin zu etablieren?

Der Wunsch, ein eigenes Magazin zu machen, war schon immer in mir. Mit dem Internet ergaben sich dann neue Spielräume, mit denen das dann auch greifbar wurde. Dabei war es von Anfang an klar, dass es ein Interviewformat sein soll. Als ich im Jahr 2005 mit einer kleinen Gruppe an Mitstreitern das erste Heft herausbrachte, hatten wir die Idee auf ihre Grundstruktur heruntergebrochen: ein Künstler, ein Gespräch, eine Ausgabe – nicht mehr und nicht weniger. Erschwerend kam hinzu, dass wir am Anfang keine Ahnung von Vertrieb hatten. Kaum zu glauben, dass ich in Berlin mit dem Fahrrad von Laden zu Laden fuhr, um mono.kultur unter die Leute zu bringen. Erste Läden im Ausland – Japan, Australien, USA – folgten und bald auch Kunstbuchvertriebe und die Buchmessen. Um den Trend zum Self-Publishing haben sich dann gänzlich neue Strukturen entwickelt, mit denen kleine Produkte eine große Leserschaft erreichen können.

Interviews mit Brian Eno, Ai Weiwei, Tilda Swinton – wie kommt man an solche Prominenz heran?

Zum einem durch persönliche Kontakte, auch eine Portion Glück gehört dazu, zum anderen durch Ausdauer. Offizielle Anfragen an Galerien, Platten-Label und PR-Abteilungen prallen zumeist wie an einer Mauer ab. Gelingt es uns, dass der Interviewpartner erstmal mein Magazin in die Hand bekommt, ist es viel leichter. Dann fällt auf, dass mono.kultur aus dem Rahmen fällt, dass da viel Liebe und Aufmerksamkeit drinsteckt – also eine willkommene Ruhepause im Pressemarathon des Künstlers!

Dein Magazin erscheint vierteljährlich und auf Englisch. Wer sind die Leser? Wie erreichst du deine Zielgruppe in Zeiten von Twitter, Newsfeed & Co?

Die Leserschaft ist sehr heterogen – Designer, Grafiker, grundsätzlich eher "visuelle" Menschen. In der Kunstwelt bediene ich ein Klientel, das anders tickt als die Anderen. Deshalb fokussiert mono.kultur sehr stark und ist inhaltlich eher spitz als breit angelegt. Auf der anderen Seite wähle ich ganz unterschiedliche Themen, portraitiere ganz unterschiedliche Menschen, um uns selbst den Spaß am Verlegen zu erhalten. Wenn ein Magazin nur auf Anzeigenkunden schielt, geht das schnell auf Kosten der Qualität. 

Am Zeitungskiosk fällt auf, was groß, laut und bunt ist. Welche Wege im Magazin-Layout bist du gegangen, wenn es darum ging, sich mit Typografie und Bildsprache von allen anderen abzuheben?

Die Marketing-Chefin von Louis Vuitton fragte mich beim Anblick von mono.kultur: "Warum ist denn der Schriftzug Ihres Magazins so klein?" Und wir sind tatsächlich vielleicht das einzige Magazin, das seinen Namen in 8.5 Punkt abdruckt. Kommerzielle Magazine brauchen einen großen visuellen Rahmen, der für Aufmerksamkeit und Wiedererkennung sorgt. Diesem Rahmen werden dann sämtliche Inhalte und Anzeigenlayouts angepasst. Wir gehen den umgekehrten Weg: Die visuelle Konstante von mono.kultur liegt in der kompletten Individualität jeder einzelnen Ausgabe. Wir laden oft externe Grafiker ein, die frühzeitig in den Entwurfsprozess eingebunden werden. Jede Ausgabe wird auf den portraitierten Künstler zugeschnitten, Layout und Interview entstehen aus einem Guss.

Du arbeitest mit dem realen fotografischen Bild. Welches Verhältnis hast du zur Illustration?

Ich mag die Fotografie wegen ihrer eigenen Ästhetik. Illustration ist anders, birgt eine größere Freiheit in sich und ist in gewissem Sinne Fiktion. Dass ich den Hut ziehe vor Illustratoren, die ihr Handwerk verstehen, zeigt auch die Liste unserer Interviewpartner bei mono.kultur. Zwei Beispiele: 2006 trafen wir den Künstler David Shrigley, fünf Jahre später hatten wir die Ehre, den wunderbaren Comic-Zeichner Chris Ware zu präsentieren.

Was reizt dich am meisten daran, Freiberufler zu sein? Und nenne uns wenigstens einen Nachteil.

Ich kenne eigentlich kein anderes Leben, als das des Selbständigen. Ich kann mir nicht vorstellen, fest in einem Büro zu arbeiten. Ich habe die festen Hierarchien, Intrigen und Posititionskämpfe, die in großen Unternehmen oft an der Tagesordnung sind, noch nie so ganz verstanden. Die Kreativwirtschaft ist davon nicht ausgenommen. Aber alles hat seine Vor- und Nachteile, auch die Freiberuflichkeit: finanzielles Risiko, Auftragslöcher, dann wieder Nachtschichten. Aber damit kann ich gut leben!

Für beruflichen Erfolg gibt es kein Patentrezept. Ebenso ist die Zahl der Quereinsteiger an unserer Akademie Indiz dafür, dass der gerade Weg nicht immer zur Zufriedenheit im Job führt. Was muss man deiner Meinung nach mitbringen, um in der Kreativwirtschaft seinen Platz zu finden?

Tatsächlich ist es ein Vorteil der Kreativwirtschaft, dass die Leute – meist die erfolgreichen – auf ungewöhnliche und untypische Werdegänge zurückblicken. Eine akademische Vorzeigekarriere nützt wenig in einem Bereich, der sich nur schwer quantifizieren lässt. Was muss man mitbringen? Energie, die Bereitschaft, hart zu arbeiten, Spaß an der Sache. Und für die Bildgestalter ist wichtig, eine eigene Sprache zu finden, eigene Themen zu generieren und diese gut umzusetzen, und am besten gerade nicht, was im Moment Trend ist, sonst ist man immer einen Schritt zu spät. Es reicht aber nicht, gute Sachen zu machen. In meiner Erfahrung kommen fast alle Aufträge inzwischen über persönliche Kontakte. Also ausgehen, Leute kennenlernen, sich ein Netzwerk aufbauen! Damit meine ich nicht virtuelle soziale Netzwerke, sondern den persönlichen Kontakte zu interessanten Menschen.

Vielen Dank für deine Tipps und das Interview!?

www.mono-kultur.com

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