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Interview

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Interview mit Henni Hellige
...hin zur Konzeption

Henni Hellige ist Editor und Designer beim Gestalten Verlag in Berlin-Kreuzberg, einem der bekanntesten deutschen Verlage in den Bereichen Design und Illustration. Im Interview gewährt der künftige Dozent an der AID Berlin Einblick in seinen Job.

Herr Hellige, bitte beschreiben Sie zunächst kurz Ihr Aufgabengebiet.

Als gelernter Grafikdesigner bin ich schon seit ca. 14 Jahren für den Gestalten-Verlag in der Funktion des Editors, also Redakteurs bzw. Bildredakteurs, tätig. Gleichzeitig arbeite ich dort als Designer. In der Regel designe ich die Bücher, die ich als Editor bearbeite, auch. Als Editor bin ich für den Inhalt der Bücher verantwortlich. Entweder recherchiere ich zu einem bestimmten Thema selbst oder bekomme Material zu einer Buch-Idee zugeschickt und ordne es thematisch und später grafisch. In dieser Position funktioniere ich wie ein Filter. Später mache ich mir Gedanken zum Format, der Seiten- und Kapitel-Struktur und zu den Texten.

Was können Sie Studenten an der AID Berlin vermitteln?

Ich kann für die Studenten u.a. die wichtige Position des Betrachters von außen einnehmen. Hier geht es vor allem um die Frage: Wie wird meine Arbeit von außen, von Verlagen, Auftraggebern usw., gesehen?

Haben Sie in Ihrem Job auch mit Newcomern zu tun?

Zur Philosophie des Gestalten Verlages gehört es, ständig neue, außergewöhnliche Arbeiten zu entdecken. Und viele dieser Arbeiten kommen von Newcomern, die die alten Ansätze über den Haufen werfen und etwas Neues ausprobieren. Deshalb schauen wir prinzipiell zunächst auf die Arbeit und nicht auf den Namen.

Wie kommt der Kontakt zustande? Kann ich mich direkt an Sie wenden?

Der Mail-Kontakt über unsere Website steht jedem offen. Wir gucken uns eingesandte Exposés oder Proposals gern in größerer Runde an, um zu beurteilen, ob die Veröffentlichung in einem Buch für uns als Verlag Sinn macht. Und wenn es nicht ein eigenes Buch ist, dann findet eine Arbeit vielleicht Eingang in eine Compilation verschiedener Designer oder Illustratoren.

Die AID Berlin spricht von "Neuer Illustration" und vertritt einen eher weiten Illustrationsbegriff. Wie sehen Sie das?

Ich sehe das genauso wie die Akademie. Wir definieren uns als Verlag für "Visual Culture". Illustration ist für mich nicht nur, wenn jemand besonders gut mit dem Stift zeichnen kann. Illustration reicht von der 3D-Darstellung im Dienste der biologischen Forschung über komplexe Infografiken bis hin zu absichtlich naiv, fast schon krakelig gezeichneten Arbeiten, die die Antithese zur Perfektion darstellen.

Ist diese breite Sichtweise auch bei den Verlagen und Medien angekommen?

Die wichtigen Verlage und Medien kennen das Feld sehr gut und wissen genau, was sie brauchen. Vielleicht ist es sogar wichtiger, den Illustratoren selbst zu sagen, wie breit ihr Berufsfeld sein kann. Ich unterrichte seit zwei Jahren an der HAW in Hamburg. Die meisten Illustratoren kommen immer noch vom Zeichnen. Sie nutzen den Computer zwar zum Kolorieren ihrer Arbeiten, denken beim Entwurf aber noch zu selten an grafische Faktoren wie Bildkomposition oder Seitenlayout. Das ist schade, denn dadurch werden viele Möglichkeiten gar nicht genutzt. Mit Illustrationen für mobile Medien wie Handys oder Tablets etc. hat sich für Illustratoren ein großer, sehr attraktiver Bereich geöffnet. Ihre Stärke, komplexe Themen auf den Punkt zu bringen, kann die Illustration dort voll ausspielen. Das setzt jedoch den Schritt weg vom Bleistift-Denken hin zur Konzeption voraus.

Welche Trends in der Illustration beobachten Sie?

Vor sechs bis sieben Jahren versuchte man, mit extrem krakeligem Stil die Perfektion des Grafikdesigns aufzubrechen. In den vergangenen ein bis zwei Jahren gab es eine Art Retro-Trend, indem Farben als Stilmittel sehr flächig eingesetzt wurden – ähnlich wie bei schlechten Drucken. Für den einzelnen Illustrator ist es wichtig, seinen eigenen Stil so unverwechselbar zu gestalten, dass er nicht mehr kopiert werden kann. Als Editor interessieren mich vor allem Leute, die ein klares Konzept haben, einen speziellen Strich und viel Leidenschaft für ihre Arbeiten.

Was erwarten Sie von den Studenten der AID Berlin?

Zunächst müssen die zeichnerischen Grundlagen vorhanden sein. Die Hand muss sich vom Kopf isolieren, so dass sie Zeichnen als Handwerk ausführen können. Außerdem ist es für sie wichtig zu wissen, was die Kollegen in Verlagen oder Medien, mit denen sie später zu tun haben, tatsächlich tun. Das erleichtert die Zusammenarbeit später erheblich. Dieser Ansatz ist im Konzept der AID Berlin auch tief verankert. Ich kann den Studenten z.B. demonstrieren, dass es wichtig ist, sich beim Thema Buchdruck über das Material Gedanken zu machen, auf das ihre Arbeiten gedruckt werden, weil Farben auf verschiedenen Materialien unterschiedlich aussehen.

Wie lautet Ihre Botschaft an jemanden, der künftig Illustrator werden will?

Für Illustratoren ist es wichtig, sich nicht nur mit Arbeiten von Kollegen zu befassen, sondern sich auch anzusehen, wie andere darstellende Künstler wie Fotografen oder Filmemacher arbeiten und über die Abbildfunktion hinaus auf mehreren Ebenen kommunizieren. Zweitens ist es zwingend wichtig, sich ein Netzwerk aufzubauen. Die Jobs kommen nicht zu einem nach Hause, man muss sagen, dass man da ist.

Interview: Jörg Kanzler
Bilder: Gestalten Verlag Berlin

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