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Interview

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Interview mit Hendrik Rauch

Im Interview berichtet Hendrik Rauch, Bildchef des Wirtschaftsmagazins "Enorm" und des Partei-Magazins "Vorwärts", Fotograf und Miteigentümer der Fotoagentur "Bobsairport" aus seinem Arbeitsalltag. Er geht u.a. auf die Marktchancen der Illustration gegenüber der Fotografie ein.

Herr Rauch, nehmen wir an, Sie bekommen ein redaktionelles Thema auf den Tisch. Woher wissen Sie, welcher Illustrator dafür der Richtige ist?

Bei manchen Themen bin ich zunächst ratlos und bitte eine Illustratoren-Agentur um Unterstützung. Bei anderen Themen bin ich mir sofort ganz sicher. Anlässlich eines der jüngsten Titel-Themen von "Enorm" dachte ich spontan an Hendrik Jonas. Meine Mail an die Textredaktion, in der ich begründete, warum er der Richtige für das Thema ist, umfasste nur drei prägnante Sätze.

Wie sieht der weitere Arbeitsprozess aus?

Gemeinsam mit der Agentur des Illustrators stecke ich den finanziellen und zeitlichen Rahmen ab. Danach geht es in die direkte Kommunikation mit ihm. Er liefert uns eine Skizze, wir geben Feedback, es geht in die nächsten Runden bis zur druckfertigen Datei.

Wie viel Zeit hat ein Illustrator für einen "Enorm"-Titel?

Wenn es gut läuft, zwei Wochen.

Welche Kriterien, neben dem persönlichen Stil, legen Sie an die Arbeit eines Illustrators an, so dass es zur Zusammenarbeit kommt?

Er oder sie muss verstehen, was ich meine. Die Kommunikation ist eines der wichtigsten Kriterien. Und wenn dann der persönliche Strich und Stil des Illustrators zum Thema passt, sind die Chancen für einen Auftrag groß. Das Titel-Thema einer kürzlichen Ausgabe des "Vorwärts" dreht sich um die Nominierung von Peer Steinbrück als SPD-Kanzlerkandidat. Mit der Unterstützung einer Agentur stießen wir auf einen Illustrator, der sehr nah an den Stil der berühmten englischen Zeitschrift "Punch" heranreicht, in der die legendäre Illustration von Ex-Reichskanzler Bismarck "Der Lotse geht von Bord" 1890 abgedruckt war. Das haben wir thematisch umgedreht in "Der Lotse geht an Bord".

"Enorm" bebildert Titel und Themen überwiegend mit Illustrationen. Wie kommt das?

Wenn wir ein Heft planen, überlegen wir uns: Wie können wir eine Geschichte am besten erzählen? Entweder es gibt journalistische Fotos, die eindeutig zum Thema passen. Oder wir entscheiden uns für eine Illustration.

Sie sind Teilhaber einer Fotoagentur. Inwiefern sind Fotografie und Illustration Konkurrenten am Markt?

Fotos sind in der Regel wesentlich günstiger. Die Möglichkeit, in Archiven nach einem ganz bestimmten Motiv zu suchen, ist bei Fotografien um ein Vielfaches größer als bei Illustrationen. Jedem Bildredakteur stehen heutzutage Meta-Suchmaschinen zur Verfügung, die über 300 Bilddatenbanken auf einen Schlag nach Fotos durchsuchen können. Dieser gewaltige Bildbestand lässt sich häufig für kleines Geld einkaufen. Gleichzeitig werden Fotos immer illustrativer – weg vom reinen Nachrichtenfoto hin zum Feature-Bild, das gar keinen konkreten Inhalt mehr transportieren muss. Viele Zusammenhänge in Wirtschaft oder Politik sind so komplex, dass sie sich nicht mehr durch ein einziges Foto bebildern lassen. In diese Lücke sind viele Nachrichtenagenturen längst gesprungen, indem Sie ihr Angebot an Feature-Bildern enorm ausgeweitet haben. Auf der Kostenseite gibt es also oft wenige Argumente für die Illustration. Viele gute Argumente liegen dagegen auf der inhaltlichen Seite. Ich bekomme mit einer Illustration meist eine viel persönlichere Ansprache an den Leser hin. Illustration wirkt sinnlicher und empathischer.

Der selbst formulierte, hohe Anspruch von "Enorm" lautet: Moral und Wirtschaft wieder zusammenzuführen. Auch ein Grund dafür, so konsequent auf Illustrationen zu setzen?

Den Ansatz, in dieser Art über Wirtschaft zu berichten, können sie nicht umsetzen, indem sie sich des coolen Stils einer "Brandeins" bedienen. Das würde nicht unserem Charakter der Berichterstattung entsprechen.

Wie werden Sie auf neue Illustratoren aufmerksam?

Ich schaue mich am Kiosk nach publizierten Illustratoren um und informiere mich auf den Websites der Agenturen. Leider fehlt mir manchmal die Zeit, den Markt intensiver zu scannen.

Und wenn jemand auf Sie zukommt?

Erstmal freue ich mich. Das ist der schönste Teil meiner Arbeit: Gemeinsam auf ein Portfolio, eine Mappe oder ein iPad zu schauen, sich etwas dazu erklären lassen, dafür bin ich ganz offen. Bei der Gelegenheit merkt man dann auch ganz schnell, ob man einen Draht zueinander hat.

Was würden Sie einer Illustratoren-Ausbildung unbedingt in den Stundenplan schreiben?

Das Verständnis für die Wünsche und Vorstellungen des Kunden ist das A und O. Robustheit und Flexibilität, auch stilistisch gesehen, gegenüber Änderungsvorschlägen sind gefragt. Nicht zu empfindlich zu sein, den Ball aufzunehmen und im Spiel zu halten, ist eine der großen Qualitäten eines Illustrators. Zudem kann ich nur raten: Rausgehen und mit den Leuten reden. Ran an den Mann oder an die Frau! In diesen Gesprächen kann man viel lernen.

Interview: Jörg Kanzler
Foto Hendrik Rauch: Pablo Castagnola
Bilder: Enorm Magazin, Hendrik Jonas, Dieter Jüdt, Jindrich Novotny

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