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Interview mit Felix Scheinberger
Gute Ideen kann man nicht googeln

Felix Scheinberger ist einer der prominentesten Vertreter der zeitgenössischen Illustratoren-Generation. Als erfolgreicher Zeichner und Illustrator, Buchautor, Dozent für Illustration an der FH Münster und stellvertretender Vorsitzender der Illustratoren Organisation e.V. (IO) kennt er das Berufsfeld aus den verschiedensten Perspektiven.

Im Interview spricht er u.a. über seine Anforderungen an künftige Illustratoren, die Entwicklung des eigenen Stils und darüber, ob man von Illustration leben kann …

(Foto: Ailine Liefeld)

Herr Scheinberger, beginnen wir mit einer Frage, die auch Ihnen ab und zu noch gestellt wird: Was macht ein Illustrator eigentlich?

Ein Illustrator hat Spaß daran, mit Bildern Geschichten zu erzählen. Er hat einen Text, eine Beschreibung oder einen Sachverhalt vor sich und fügt etwas ganz Neues hinzu statt das Bekannte zu doppeln. Ein Beispiel: Ein Kochtopf steht auf dem Herd. Als Illustrator überlege ich mir: Was gehört in den Kochtopf rein? Was ist das für ein Herd? Und was könnte er über den Besitzer erzählen? Als Illustrator fasziniert mich, eine nicht vorhandene Welt einzurichten.

Spaß ist ein wichtiger Faktor. Was muss ich als künftiger Illustrator noch mitbringen?

Fantasie ist das Allerwichtigste. Eine gelungene Illustration ist zunächst einmal eine gute Idee. Ohne gute Ideen wird Illustration schnell beliebig und "Geschwätz" in einem bildlichen Sinn – wie ein unendlich ausformulierter Bandwurmsatz: hier noch ein Schatten, da noch ein Detail usw. Liebe zur Arbeit mit Bildern ist ebenfalls ein wichtiger Faktor. Ich muss Bilder, Animationen mögen. Und damit meine ich wirklich mögen – und nicht "cool finden". Diese Leidenschaft bringt dann auch Fleiß und Konsequenz mit sich. Um den manchmal steinigen Weg zum erfolgreichen Illustrator zu bewältigen, muss man eine große Portion Anfangsverliebtheit mitbringen.

Angenommen ich bin 18 Jahre alt, habe die Schule abgeschlossen, bringe Spaß am Bildermachen mit und überlege, Illustrator zu werden. Was raten Sie mir?

Viele 18-Jährige haben heute einen ziemlich konkreten Karriereplan im Kopf. Grundsätzlich finde ich Zielstrebigkeit positiv. Wenn ich mir die ganz jungen Studierenden angucke, möchte ich ihnen trotzdem manchmal zurufen: "Hey, lasst Euch ein bisschen mehr Zeit! Ihr werdet später noch so viele Stunden am Schreibtisch verbringen." Als Illustrator ist ein gewisser Horizont wichtig. Gute Ideen kann man nicht googeln, sie sind in mir selbst. Ich muss also aus irgendetwas schöpfen können, mir z.B. die Welt angeguckt haben. Ich persönlich würde dem 18-Jährige also raten: Studier doch mit 19 und geh nochmal ein Jahr nach Amerika oder probier Dich auf andere Weise aus.

Was antworten Sie Ihren Studenten auf die Frage, ob sie von Illustration leben können?

Man kann definitiv davon leben. Leider verkaufen sich einige Illustratoren weit unter Preis. Sie haben eine seltsame Angst davor, dass sie den Job nicht bekämen, wenn sie eine angemessene Vergütung verlangen würden. Metzger-Gesellen kennen die Angst nicht, keine Würste zu verkaufen, wenn sie einen angemessenen Preis für Ihre Arbeit verlangen. Unter Illustratoren ist diese Angst leider noch viel zu sehr verbreitet. Wenn ich aber als Illustrator gute Arbeit abliefere, dann kann ich auch angemessenes Geld dafür verlangen, das dann auch bezahlt wird.

Woher kommt dieses kritische Eigenbild einiger Illustratoren?

Illustratoren sind häufig sehr sensible, stille Menschen, die Freude an Ästhetik und an Bildern haben, aber, plastisch ausgedrückt, auf dem Fußballfeld häufig nicht ganz vorne mitspielen. Auf dem Job-Markt holen Sie dann erstmal eine blutige Nase. Deshalb ist es wichtig, Illustratoren das Thema Selbstvermarktung schon im Studium zu vermitteln. Meine Studierenden lernen das sehr schnell, weil ich draußen arbeite und weiß, wie es in der Praxis abläuft.

Wie komme ich an Aufträge, wenn ich noch keinen bekannten Namen habe?

Das kann über die Website oder die Mappe laufen. Man muss sich schon vor die Tür bemühen. Dass in meinem Arbeitszimmer plötzlich ein Mercedes vorfährt, in dem ein dicker Mann sitzt, der einen Zylinder trägt und mit Geldscheinen winkt, ist unwahrscheinlich.

Die neu gegründete Akademie für Illustration und Design in Berlin lässt auch Bewerber ohne Hochschulreife zum Studium zu. Was halten Sie davon?

Eine gewisse Klugheit muss ich schon mitbringen, um kluge Illustrationen herzustellen – wobei sich das nicht auf auswendig gelernte Formeln oder Abitur bezieht. Klugheit kann sich auch in Lebenserfahrung oder Witz ausdrücken.

Wie finde ich als Illustrator meinen eigenen Stil?

Das kommt von allein. Je intensiver ich mich mit meiner Arbeit beschäftige, je öfter ich übe, desto eher entwickle ich eine Handschrift. Als Illustrator sage ich mir nicht: Ich male jetzt etwas, das nach Felix Scheinberger aussieht. Jedes Bild entsteht aus einer Reihe kleiner Entscheidung. Da ist ein Junge auf dem Bild – wie sieht sein T-Shirt aus? Was ist im Hintergrund zu sehen? Gibt es da noch ein Tier? Dadurch, dass ich das Bild mache und kein anderer, entwickelt sich aus meiner Antwort auf diese Entscheidungen meine Besonderheit, mein Stil. Stil entsteht also auf der niedrigschwelligen Ebene kleiner Entscheidungen. Und andere erkennen dann insgesamt meinen Stil. Und der verstärkt sich, je länger ich arbeite. Deshalb ist die wichtige Frage nicht: Wie finde ich meinen Stil? Sondern: Welches T-Shirt hat der Junge an?

Illustratoren pflegen ein inniges Verhältnis zu ihrem Skizzenbuch. Welches Verhältnis haben Sie zu Ihrem?

Ich gehe niemals ohne Skizzenbuch aus dem Haus. Das ist die einfachste Art, gestalterisch tätig zu sein. Einlass findet alles, was mir in meinem Leben auffällt, mir schön oder interessant erscheint. Das ist ein unglaublich toller Arbeitsspeicher, das beste Übungsfeld überhaupt. Wenn ich das als Student nutze, werde ich ein toller Zeichner.

Ist pures Zeichnen zugunsten der digitalen Medien an Hochschulen vernachlässigt worden?

In den vergangenen Jahren ja. Es wurden Zeichen-Professuren abgeschafft, um sie durch rein digitale Gestaltungsfächer zu ersetzen. Das hat sich als großer Fehler erwiesen, weil ein Computer zwar ein leistungsfähiges Handwerkszeug ist, um Arbeiten fertigzustellen, aber nicht, um sie zu entwerfen. Für einen Entwurf sollte ich eine möglichst kurze Strecke zwischen Kopf und Hand zurücklegen. Zeichnen ist da unübertroffen.

Wie beschreibst Du Deinen eigenen Stil?

Ich klappe das Skizzenbuch auf und versuche, mehr aus dem zu machen, was ich sehe. Wenn ich nur das abbilde, was ist, kann ich auch ein Foto machen. Ich möchte der Oberfläche inhaltliche Komponenten hinzufügen.

Was drückt eine gute Mappe aus?

Da müssen Herzblut, Fantasien, Ideen und Mut zu sehen sein. Mut heißt: Nicht etwas herstellen, was in der allgemeinen Vorstellung so und so auszusehen hat oder was dem Prüfer vermutlich gefällt. Sondern: Etwas wagen, etwas ausprobieren, auch wenn es nicht perfekt ist.

Die Illustratoren Organisation feiert in diesem Jahr ihr 10-jähriges Bestehen. Wie hat sich Illustration in diesem Zeitraum entwickelt?

Sehr positiv. Wir alle, die Illustratoren wie deren Kunden, stehen heute besser da. Auch wenn wir über Nutzungsrechte oder Geld sprechen, geht es im Kern darum, mehr schöne Bilder in die Welt zu bringen, tolle Projekte zu realisieren. Dafür ist notwendig, Illustratoren angemessen zu bezahlen. Wenn ich langfristig vom Bausparvertrag meiner Großmutter leben muss oder ständig überlege, auf Ergotherapie umzuschulen, sind das keine guten Voraussetzungen für schöne Bilder. Die Auftraggeber haben es durch die Arbeit der IO mit "erwachseneren" Illustratoren zu tun, und das tut allen gut.

Wie werden die 10 Jahre IO gefeiert?

Mit einer bundesweiten Veranstaltungsreihe. In Berlin stehen am 31. August in der "Langen Nacht der Illustration" viele Ateliers für Besucher offen. Ab 1. September feiern wir dann "10 Jahre IO" in einer Gemeinschaftsausstellung mit der Akademie für Illustration und Design Berlin in deren Räumen in Kreuzberg.

Interview: Jörg Kanzler

www.felixscheinberger.de

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