Stipendiumswettbewerb 2019: hier erfährst du mehr

Interview

AID Berlin Interview Birgit EschweilerAID Berlin Interview Birgit EschweilerAID Berlin Interview Birgit EschweilerAID Berlin Interview Birgit EschweilerAID Berlin Interview Birgit EschweilerAID Berlin Interview Birgit EschweilerAID Berlin Interview Birgit Eschweiler

Interview mit Birgit Eschweiler
Ich akquiriere ständig neu

Im Interview beleuchtet Birgit Eschweiler, Illustrationsmanagerin im Cornelsen Verlag Berlin, die Rolle der potenziellen Auftraggeberin von Illustratoren, nennt ihre Auswahlkriterien und gewährt Einblick in ihre Kartei.

Frau Eschweiler, bitte geben Sie uns zunächst einen kleinen Einblick in Ihr Aufgabenfeld. Wie lautet Ihre genaue Berufsbezeichnung? Wofür sind Sie bei Cornelsen zuständig?

Ich bin im Verlagsbereich Grundschule als Illustrationsmanagerin tätig, vergleichbar am ehesten mit dem Art Buying in der Werbung. Ich akquiriere Illustratoren und bin an deren Auswahl für einzelne Projekte maßgeblich beteiligt. In der Folge verhandle ich die Verträge mit, nehme das Erstbriefing vor und beteilige mich, falls nötig, an der Leitfiguren-Entwicklung. Den gesamten Start betreue also ich, anschließend gebe ich die weitere Projektarbeit an die Redaktion ab. Gibt es Probleme oder Fragen im laufenden Projekt die Illustration betreffend, stehe ich aber auch hier beratend zur Seite. 

Für welche Bücher sind Sie tätig? 

Für alle Grundschulbücher der Marken Cornelsen und Volk und Wissen, quer über alle Fächer wie Deutsch, Mathematik, Sachunterricht, Ethik, Musik usw. Gerade in Büchern für die Altersstufen, die noch nicht so gut lesen können, sind Illustrationen besonders zahlreich und wichtig. 

Welche Funktion haben Illustrationen in diesem Fall?

Für Leseanfänger ist es wichtig, dass sich das Bild eng am Textinhalt orientiert. In Lese- oder Musikbüchern hingegen können Illustrationen oft weit über den Text hinaus gehen und öffnen neue Räume. Der Stil der Illustration und die Auswahl des Illustrators hängen stark vom Fach und der Altersstufe ab – übrigens auch vom Bundesland, für das wir unsere Regionalausgaben produzieren.

Worin liegt der Unterschied in der Illustration eines Buches für Bayern oder Berlin?

Die Bayern sind, grob gesagt, traditionsbewusster und konservativer in der Wahl der Illustration. Nordrhein-Westfalen oder Berlin sind im Vergleich aufgeschlossener und freier. Für die neuen Bundesländer benötigen wir wiederum eine ganz andere Ästhetik. Entsprechend suche ich den Illustrator aus. 

Wie sehen Ihre Auswahlkriterien für den passenden Illustrator für ein Projekt aus?

Ich habe eine genaue Vorstellung von der Zielgruppe des Buches. Das sind in erster Linie die Grundschul-Lehrerinnen. Ich glaube zu wissen, was den Lehrerinnen für eine bestimmte Altersstufe in einer definierten Region gefällt. In unserer Arbeit geht es einerseits um die Bedienung dieses Geschmacks und die jeweiligen didaktischen Anforderungen, andererseits um die Ausarbeitung unseres Markenstils, der durch Redaktion und Illustrator geprägt wird. Und der Rest, genau zu erspüren, ob ein Illustrator zu einem Projekt passt, ist dann Gefühlssache und natürlich auch Erfahrung. 

Wie viele Illustratoren befinden sich in Ihrer Kartei?

In meiner "Schublade" habe ich Mappen von etwa 700 Illustratoren. Ich akquiriere ständig neu. Entweder bewerben sich die Leute bei mir oder ich besuche Ausstellungen an Hochschulen, schaue mich im Netz oder allgemein auf dem aktuellen Kinderbuchmarkt um. 

Das heißt, Sie geben auch relativ unerfahrenen Leuten eine Chance? 

Das mache ich sogar ganz bewusst. Es ist eher unwichtig, wie viel Erfahrung jemand schon im Magazin- oder Kinderbuch-Bereich gesammelt hat. Illustratoren, die für uns arbeiten, müssen sich darauf einstellen, dass sie sich an relativ viele Vorgaben halten müssen. Wir bewegen uns ja meistens im Spannungsfeld von didaktischen Zwängen und der kreativen Arbeit. Das liegt eventuell nicht jedem. Andererseits gibt es einige Beispiele von Newcomern, die sich nach Projekten mit uns zu sehr gefragten Illustratoren entwickelt haben. Da den richtigen Riecher gehabt zu haben, macht immer wieder Spaß. 

Wie bewirbt man sich bei Ihnen am besten?

Ich wünsche mir ein Portfolio gerne mit verschiedenen Techniken oder Stilen. Das Ganze muss aber nicht durch eine aufwändige Mappe aufgemotzt sein. Von diesem Drumherum sehe ich gern ab, eine pdf-Datei genügt. 

Ist Berlin eine lllustratoren-Stadt?

Bisher eher nicht. Deshalb freue ich mich, dass die AID Berlin eröffnet hat, und hoffe, dass sich der Berufsstand dadurch hier mehr settelt. Berlin fehlte bisher nicht nur die Ausbildungsstätte, es gab hier auch zu wenige Verlage, was sich jedoch ändert. 

Wie sieht der Ablauf vom Erstkontakt bis zum Beginn der Illustration aus?

In der Regel spreche ich ein bis zwei Illustratoren auf das Projekt an. Auf größere Pitches verzichten wir bewusst. Wir klären im Vorfeld schon ganz klar, wer überhaupt in Frage käme – eben anhand der Arbeitsproben und der Vorgespräche. Das erspart uns erhebliche Reibungsverluste und den Illustratoren in den allermeisten Fällen Arbeit und Nerven. Ich beschreibe also das Projekt und spreche dann über Budget und Verträge. Danach kommt es zur Probe-Illustration oder zur Beauftragung. 

Werden viele Illustratoren heute durch Agenturen vertreten?

Die meisten sind allein auf dem Markt unterwegs, was für die Illustratoren teilweise anstrengend sein mag. Das erfordert Sachkenntnis und Durchsetzungsvermögen, manchmal auch Kampfbereitschaft. Für mich persönlich ist die Zusammenarbeit mit einem Agenten fast ein Ausschluss-Kriterium, was einfach mit schlechten Erfahrungen zu tun hat. Ich kann die Illustratoren, wie gesagt, dadurch entlasten, dass ich die Vertragsverhandlungen im Vorfeld führe und eben auch schon geklärt habe, ob Projekt und Illustrator überhaupt zusammen passen.

Wie attraktiv und lukrativ ist die Arbeit für Ihren Verlag für einen Illustrator?

Uns liegt generell viel an langfristigen und tragfähigen Geschäftsbeziehungen, insofern kann ich die "Verteufelung" der Verlage bzw. den Vorwurf, wir würden Illustratoren gar ausbeuten, nicht nachvollziehen. Wichtig für jeden Illustrator ist, seinen eigenen Marktwert realistisch einschätzen zu können. Rein von der Arbeit für uns können die allermeisten allerdings nicht leben. Aber als Auftraggeber sind wir verlässlich, organisieren die Zusammenarbeit so reibungsarm wie möglich und haben eine breite Produktpalette anzubieten. Da gibt es schon das ein oder andere Projekt, bei dem sich das Illustrationshonorar ordentlich "läppert" und eben auch auf Jahre hinaus Lohn und Brot bietet.

Wie sieht der derzeitige Trend für Illustrationen im Schulbuch-Bereich aus?

Im Schulbuchbereich kann man wohl nicht von einem Trend sprechen. Allgemein beobachte ich einen leichten Retro-Trend, Comic ist auch immer mehr im Fokus. Ansonsten kommt momentan wenig Neues. Ich vermisse Humor und Leichtigkeit in der Arbeit. Ich warte darauf, jemanden zu entdecken, über dessen Arbeit ich sage: "Wow, das habe ich lange nicht gesehen, genau das brauche ich!"

Interview: Jörg Kanzler

zurück