Studium Illustrationsdesign – Jetzt auch mit Bachelor-Abschluss!

Interview

AID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe ArensAID Berlin Interview Uwe Arens

Interview mit Uwe Arens
Welche Farbe hat C-Dur?

Im Interview vorgestellt: Uwe Arens – Fotograf, Dozent, Musiker. Er fotografiert Künstler der großen Klassik- und Poplabel und arbeitet für diverse Zeitungen und Zeitschriften. Wir sprachen mit dem Profi über Bildgestaltung zwischen Illustration und Fotografie, über die Zukunft der Bilder, die Technik des Composing und darüber, warum seine Fotos so gut „klingen“.
 
Wie bist du Fotograf geworden?

Eigentlich war ich schon immer Fotograf. Während meiner Jugend in der westdeutschen Provinz ging ich gern zur Bücherei, um dort alle Ausgaben der Time Life Reihe, damals ein wahres Kompendium der Fotografie, zu „verschlingen“. Ich war wie verzaubert. Und fotografierte natürlich selbst sehr viel. Parallel entwickelte sich der Berufswunsch Musiker. 
Nach dem Abi ging ich nach Berlin. Ich bekam Kontakt zu vielen Bands und belegte Kurse an der Schnittstelle von Fotografie und Kunst. Ein guter Ort dafür war die Kreuzberger „Werkstatt für Fotografie“. Erste Fotoaufträge für Musikbands ließen nicht lange auf sich warten. In der Wiener Straße richtete ich ein Studio in einer Remise ein, Stadtmagazine wie Tip und Zitty druckten meine Bilder. 
Richtig eingestiegen in den Beruf bin ich durch eine Anfrage aus München. Das Magazin „Wiener“ buchte mich als festen Freelancer. Jetzt hatte ich in fast allen Bereichen der Fotografie zu tun: Reportage, Portrait, Cover, Mode, Architektur. Die „großen“ Nachrichtenblätter – Stern, Spiegel, Die Zeit – folgten. Anfang der Neunziger Jahre, als die Stadt nach dem Mauerfall, und somit Bilder aus Berlin, einen Hype erlebten, wurde ich Mitglied der Berliner Bildagentur Paparazzi.
 
Die Verbindung von Musik und Fotografie ist zum Markenzeichen deiner Arbeit geworden. Worin liegt der Reiz, Musiker zu portraitieren  – anstatt Politiker, Sportler und andere Prominente?

Zunächst einmal, Musiker wollen in der Regel nicht fotografiert werden – das ist schon mal ein wunderbarer Ansporn! Zum Vergleich: Ich fand es eigentlich nie besonders spannend, Models zu fotografieren. Die dominieren das Bild mit ihren Posen. Auch mit Managern und Krawattenträgern tue ich mich eher schwer.
Musiker können nur dann gut sein, wenn sie eine Melodie so lange üben, bis sie funktioniert, das erzeugt eine gewisse Demut vor dem „Werk“, vor dem musikalischen wie vor dem fotografischen – das mag ich. Außerdem interessiert mich das langlebige Bild, nicht das schnelle Foto. Ein Albumcover lebt länger als ein Zeitungsfoto. Manche haben es sogar zur Ikone geschafft.
 
Laut eigener Aussage stellst du Persönlichkeiten in einem „öffentlichen Bild“ dar, das die Persönlichkeit des Dargestellten spiegelt. Es soll authentisch, aber nicht privat sein. Wie gelingen dir solche Bilder? Die Grenze zwischen „privat“ und „öffentlich“ erweist sich in der Medienwelt heute als eher unscharf.

Wenn ich Personen fotografiere, strebe ich ein zeitloses Bild an, ein Bild ohne Schnappschuss-Charakter. Man könnte den Vorgang so betrachten, wie ein Maler ein Bild malt. Das Bild ruht. Authentisch wird das Foto in dem Moment, wo der Portraitierte nicht mehr vorgibt, jemand zu „sein“, wenn er Kontakt zur Person hinter der Kamera aufnimmt, wenn er das Foto quasi selbst „macht“. Die Identifikation mit dem eigenen Bild ist für den Künstler wichtig. Ist diese einmal hergestellt, hat das Foto Bestand – gegenüber allen Newsbildern, ob sie nun privat oder öffentlich sind. Ein gutes Künstlerportrait beschützt das Private.
 
Du unterrichtest als Fotograf an einer Illustrationsschule – das scheint zunächst ungewöhnlich. Was kann ein Zeichner von deiner Profession abschöpfen?

Fotografie ist ein weiteres Zeichenwerkzeug. Wer fotografiert, trifft die gleichen Entscheidungen wie beispielsweise ein Comiczeichner. Welchen Standort, welchen Bildwinkel wähle ich? Arbeite ich mit Schärfe oder Unschärfe im Raum? Man lernt beim Fotografieren genauso viel über Bildfindung wie beim Zeichnen. Auch für Recherchezwecke ist Fotografie super praktisch und für Illustratoren von Nutzen. 
Ein weiterer Aspekt meines Unterrichts ist der Umgang mit kollektiver Bilderinnerung. Ich spreche mit den Studierenden über (gezeichnete) Bilder, die von fotografischen Bildikonen abstammen. Das Lesen von Bildern ist wichtig. Die Fotografie verwendet die gleichen Vokabeln, mit denen man auch zeichnen kann. 
Manche Studierende wissen nicht, dass sie ein „fotografisches“ Talent besitzen, wenn sie selbstbewusst mit Bildfindung, Reduktion usw. umgehen. Ich helfe jungen Zeichnern, dieses Talent zu entdecken und einzusetzen.
 
Du gibst Workshops zur Technik des Composing. Dabei entstehen jedes Mal spannende neue Bilder. Was ist das Besondere an dieser Technik?

Wenn man die o.g. Kompetenzen zusammenbringt, das Zeichnen und das Fotografieren, entsteht etwas Neues – ein Zugewinn für jeden Bildgestalter! Das Composing ist eine solche „Mischtechnik“, wenn auch eine digitale. Meine ersten Composings entstanden Mitte der 1990er Jahre. Ich war ein früher Photoshop-Pionier. Während andere noch „analog unterwegs waren“, war ich glücklicher Nutzer eines Bildbearbeitungsprogramms. Digital bearbeitete, von mir komponierte Bilder, habe ich somit sehr früh professionell eingesetzt. Jedoch – ein Composing bleibt ein Foto. Und einem Foto glaubt man. Das Spannende am Composing ist, auszureizen wie weit man mit der Übersteigerung eines Bildes gehen kann.
Es gibt drei Arten von Fotos bzw. Bildwelten: Erstens das Original. Zweitens die Fälschung (oft in der Werbung eingesetzt). Das Composing öffnet die Tür zu einer dritten Welt. Das Bild wirkt auf einer neuen Rezeptionsebene, die sich auch von der reinen Illustration unterscheidet. Das Ganze funktioniert allerdings nur, wenn das Bild nicht vorgibt, ein fotografisches Original zu sein, was nicht selten für Kampagnenfotos zutrifft, sondern sich durch klare Überhöhung abgrenzt.
 
Ein Zitat deiner Website klingt nach direkter Handlungsanweisung für Studierende: Es bedarf einer Vision, kühner Entscheidungen und Erfahrung, um gutes Handwerk zu etwas allgemein Gültigem zu machen. Was bedeutet das für´s Bildermachen?

Ich möchte damit sagen, dass man sich trauen muss! Dass man seiner eigenen Vision treu sein soll. Im Modul Fotodesign des 5. Semesters entsteht gerade eine Bildstrecke zum Thema Liebe. Da gibt es bei den Studierenden frühe Impulse, erste Bilder blitzen auf im Kopf. Jetzt ist es wichtig, dran zu bleiben, sich zu trauen, diesen Impulsen zu folgen und die Ideen weiterzuentwickeln.
Gutes Handwerk bedeutet neben der reinen Technik auch das Beherrschen von Raumorganisation, Requisiten, Make-up, Hairstyling – und nach dem Shooting Bildauswahl und Postproduktion. Vorbereitung ist das A und O für den guten Flow jedes Shootings. Und doch – bei aller Kontrolle – sollte man offen für Austausch und Entdeckungen sein!
 
Musik und andere Künste wie Literatur, Malerei, Architektur haben sich schon immer gegenseitig beeinflusst. Du bist selbst Musiker, experimentierst mit der Wahrnehmung, stellst Fragen: Welche Farbe hat C–Dur, wie sieht Stille aus, wie klingt ein Bild? Hast du schon Antworten gefunden?

Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Musik und Fotografie. Die Antworten kommen bei der Arbeit. Wenn ich ein Musikerquartett fotografiere, überträgt sich die Harmonie der vier vielleicht in einen Akkord des Bildes. Oder Dissonanz entsteht, weil drei in die Kamera schauen und einer aus dem Bild. Das Störelement ist dann Teil des Gesamtklangs. Jedes Foto ist auch eine Komposition aus Farben. Ton und Klang dieser Farben müssen zusammenpassen. Attribute wie Schärfe und Unschärfe sind ebenso Gestaltungsmittel bei Fotografie und Musik. Wer sucht, findet viele Verbindungen …
 
Dein Portfolio umfasst eine Vielzahl von Musikern der großen Klassik- und Poplabel. Hinzu kommen Arbeiten für namhafte Zeitungen und Zeitschriften. Wie kommst du an deine Aufträge?

Durch persönliche Kontakte und meine Präsentationsbücher, die durch Agenturen und Redaktionen wandern, wobei heute mehr mit Online-Portfolios gearbeitet wird. Es kann aber auch sein, dass der Art Director einer Werbeagentur wechselt und der Fotograf gleich mit ausgetauscht wird. Dann heisst es, neue Kontakte aufbauen oder andere vertiefen. Im Umgang mit meinen Bestandskunden ist die wichtigste Strategie, keine „Erde zu verbrennen“, d.h. immer bestmögliche Qualität abzuliefern, verlässlich zu kommunizieren und Ehrlichkeit zu zeigen. Elitäres Denken im Sinne eines „Starfotografen“ ist mir fremd.
 
Eine unvermeidliche Frage: Viele Fotografen klagen über einen Wertverlust ihrer Arbeit, bedingt durch technische, wirtschaftliche und soziale Veränderungen im Umgang mit Bildern. Wie kann sich ein Fotograf auch in Zukunft behaupten?

Ich glaube nicht an einen Wertverlust der Fotografie. Die Bildmedien werden immer einem Wandel unterzogen sein, aber die Funktion von Bildikonen nicht. Fotografie hat heute eine andere Bedeutung als früher. Die Rezeption der Bilder hat sich geändert genauso wie ihre Verfügbarkeit. Fotos können heute viel schneller und effektiver produziert und verarbeitet werden, wie das z.B. in der Produktfotografie für´s Online-Shopping der Fall ist. Eines lässt sich jedoch nicht rationalisieren – der Qualitätsanspruch! So kann ich als Portraitfotograf den vermeintlichen Trend zur Billigfotografie nicht bestätigen. Im Gegenteil: hochwertige Fotografie, ob im Bereich Musik, Sport oder Mode, steigert sich weiterhin im Niveau.
Auch mit der Kritik an der Bilderflut muss man vorsichtig sein. Mit großen Bildmengen wurde auch schon zu Zeiten der analogen Fotografie gearbeitet. Als Profi muss man in der Lage sein, eine gute Bildauswahl zu treffen. Für mich gilt weiterhin: lieber wenige gute Aufnahmen eines Künstlers, als viele billige!
 
Ein Bild aus der Hand von Uwe Arens, ganz ohne Kamera. Wie würde das aussehen?

Ein Bild aus meiner Hand ohne Kamera? Ich gehe davon aus, dass dieses Bild schon da ist. Ich greife es nur heraus. Oft habe ich das Gefühl, die Bilder finden mich, nicht umgekehrt. Dieses Bild könnte genauso gut ein lyrisches Bild sein, aus einem Songtext von mir. Als Fotograf nehme ich auch den Zeichenstift in die Hand, „mache mir ein Bild“ anhand von Skizzen noch vor dem eigentlichen Shooting. Egal von welchem Bild wir hier sprechen, ich würde keines machen, wenn es nicht gebraucht würde! Mich interessiert die Funktion des Bildes. Was es kommunizieren soll, welchen Auftrag es hat. Wenn das nicht vorhanden ist, werde ich dem Bilderberg dieser Welt kein weiteres hinzufügen.
 
Vielen Dank für das Interview!
 
Interview: Tilo Schneider
Bilder: Uwe Arens

www.uwearens.de

zurück